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Tempi: 57 Tote – und ein Staat, der zuerst versagte und danach die Aufklärung beschädigte

18. Aug.
4 Min. Lesezeit

Kommentar | Stand: 18. August 2026


Am 28. Februar 2023 rasten bei Tempi ein Personen- und ein Güterzug frontal ineinander. 57 Menschen starben, viele von ihnen junge Studierende. Der unmittelbare Fahrwegfehler eines Bahnhofsvorstehers ist bekannt. Doch wer die Katastrophe darauf reduziert, betreibt die bequemste Form politischer Entlastung: Er macht aus jahrelangem Staatsversagen den Fehler eines Einzelnen.


Ein sicheres Bahnsystem ist gerade dafür gebaut, menschliche Fehler abzufangen. In Griechenland tat es das nicht. Signale, Fernsteuerung, Aufsicht, Personal und Wartung bildeten keine Schutzmauer, sondern eine Kette von Lücken. Der aktuelle Prozess gegen 36 Bahn- und Verkehrsverantwortliche zeigt, wie breit das Versagen gewesen sein soll. Dass ein einzelner Mann zwei Züge auf dasselbe Gleis schicken konnte und über Kilometer kein funktionierendes System die Kollision verhinderte, ist keine gewöhnliche Panne. Es ist Staatsversagen auf Schienen.


Millionen für Sicherheit – aber keine Sicherheit


Im Zentrum steht der Vertrag 717: ein rund 41 Millionen Euro schweres, von der EU mitfinanziertes Projekt zur Erneuerung der Signal- und Fernsteuerungstechnik auf der wichtigsten Bahnstrecke des Landes. Unterzeichnet wurde es 2014, fertig sein sollte es 2016. Beim Unglück im Jahr 2023 war das Vorhaben noch immer jahrelang im Rückstand.


Die Europäische Staatsanwaltschaft erhob Ende 2023 gegen 23 Personen, darunter 18 Amtsträger, Anklage wegen mutmasslicher Delikte im Zusammenhang mit der Ausführung des Projekts – unter anderem wegen Subventionsbetrugs, falscher Bescheinigungen und Pflichtverletzungen. Im Mai 2025 folgten weitere Anklagen gegen 16 Personen. Dabei geht es unter anderem um eine angeblich unterstützte Entschädigungszahlung von 2,7 Millionen Euro an das Auftragnehmer-Konsortium trotz begrenzten Baufortschritts. Für sämtliche Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.


Wer von veruntreuten EU-Förderbeiträgen spricht, muss deshalb juristisch präzise bleiben: Der Verdacht ist schwerwiegend und Gegenstand von Strafverfahren, aber noch kein rechtskräftiges Urteil. Doch die Unschuldsvermutung für einzelne Angeklagte ist kein Persilschein für eine Regierung und schon gar keine Entschuldigung für ein politisches System. Wenn Millionen für Bahnsicherheit fliessen, das Sicherheitssystem aber nicht rechtzeitig funktioniert, hat die Öffentlichkeit Anspruch auf die lückenlose Antwort, wohin jeder Euro ging, wer welche Verlängerung bewilligte und wer mangelhafte Leistungen abnahm.


Griechenlands Behörden behandelten europäisches Fördergeld offenbar nicht mit der Sorgfalt, die ein lebenswichtiges Infrastrukturprojekt verlangt. Die EU finanzierte keinen dekorativen Modernisierungsplan, sondern Technik, die Menschen schützen sollte. Dass das Projekt über sieben Verlängerungen verschleppt wurde, während weiterhin Züge fuhren, ist politisch nicht mit Bürokratie zu entschuldigen. Es ist eine Missachtung der Fahrgäste und der europäischen Steuerzahlenden.


Verlorene Spuren, verlorenes Vertrauen


Nach der Kollision wurde der Unglücksort rasch geräumt und verändert. Waggons und Trümmer wurden entfernt, bevor die unabhängige Unfalluntersuchung ihre Arbeit ordnungsgemäss aufnehmen konnte. Die offizielle Untersuchungsbehörde bestätigte später, dass der Druck zur Wiederherstellung des Geländes zum Verlust von Beweismaterial führte. Ob hinter jedem dieser Schritte eine bewusste Vertuschungsabsicht stand, müssen die Gerichte klären. Die objektive Folge steht jedoch fest: Die Aufklärung wurde erschwert.


Ein Staat kann nicht erst entscheidende Spuren verlieren lassen und anschliessend von den Angehörigen verlangen, ihre Zweifel lückenlos zu beweisen. Das ist keine transparente Krisenbewältigung, sondern institutionelle Selbstbeschädigung. Selbst wenn kein zentral gesteuertes Komplott nachgewiesen werden sollte, bleibt ein skandalöser Befund: Behörden, die Beweise hätten schützen müssen, schützten sie nicht.


Noch schwerer wiegt der politische Schutzwall. Das Europäische Parlament äusserte bereits 2024 Zweifel an der politischen Unparteilichkeit der parlamentarischen Untersuchung und kritisierte, dass die Regierungsmehrheit Ermittlungen gegen zwei frühere Verkehrsminister nicht zuliess, obwohl die Europäische Staatsanwaltschaft darum ersucht hatte. Im seit März 2026 laufenden Hauptprozess sitzen 36 Personen auf der Anklagebank – aber kein Politiker.


Genau diese Asymmetrie vergiftet das Vertrauen: Unten drohen Bahnhofspersonal und Bahnmanager harte Strafen, oben entscheidet das Parlament mit seinen Mehrheiten darüber, ob ehemalige Minister überhaupt von unabhängigen Strafverfolgern untersucht werden dürfen. Politische Immunität darf nicht zur organisierten Verantwortungslosigkeit werden.

Nicht das griechische Volk sitzt auf der Anklagebank


Die Regierung von Kyriakos Mitsotakis weist den Vorwurf einer Vertuschung zurück und verspricht eine vollständige Bahnreform bis 2027. Sie hat das Recht, Anschuldigungen zu bestreiten. Sie hat aber nicht das Recht, politische Verantwortung durch ein weiteres Zukunftsversprechen zu ersetzen. Nach 57 Toten zählen keine Ankündigungen mehr, sondern offengelegte Akten, unabhängige Ermittlungen, funktionierende Technik und persönliche Konsequenzen.


Die Verantwortung reicht zudem über eine einzelne Partei hinaus. Vertrag 717 zog sich durch mehrere Regierungen. Griechenlands politische Klasse hatte über Jahre Gelegenheit, die Bahn sicher zu machen, Warnungen ernst zu nehmen und EU-Mittel wirksam einzusetzen. Mehrere Regierungen scheiterten daran. Die heutige Regierung trägt zusätzlich Verantwortung dafür, wie nach der Katastrophe aufgeklärt wurde – und wie sehr parlamentarische Macht den Verdacht politischer Schonung nährte.


Pauschale Verachtung für Griecheninnen und Griechen wäre dennoch nicht nur falsch, sondern absurd. Hunderttausende Menschen, Angehörige, Überlebende, Gewerkschaften und Bahnangestellte gingen für Aufklärung auf die Strasse. Die schärfste Anklage gegen den griechischen Staat kommt aus Griechenland selbst. Nicht das Volk hat die Signalanlagen verschleppt, Beweise unzureichend gesichert oder Minister vor Ermittlungen abgeschirmt. Verantwortlich sind Institutionen und Entscheidungsträger.


Europa darf nicht länger nur zahlen


Die EU-Kommission muss sämtliche Zahlungen, Nachträge, Abnahmen und Verantwortlichkeiten rund um Vertrag 717 offenlegen und unabhängig prüfen lassen. Zu Unrecht ausbezahlte Mittel müssen zurückgefordert werden. Weitere Förderbeiträge für den griechischen Bahnsektor dürfen nur gegen überprüfbare Meilensteine, vollständige Transparenz und wirksame Kontrollen fliessen. Und die Europäische Staatsanwaltschaft muss auch dann ungehindert ermitteln können, wenn ihre Spur in ein Ministerbüro führt.


Tempi war kein unabwendbares Schicksal. Die Katastrophe wuchs aus einem System, das Warnungen überhörte, Sicherheitsprojekte verschleppte und Verantwortung nach unten delegierte. 57 Tote sind keine Fussnote eines Modernisierungsplans. Sie sind eine Anklage.

Griechenland verlangt zu Recht europäische Solidarität. Dann muss der griechische Staat ebenso europäische Kontrolle akzeptieren. Und eine Regierung, die Vertrauen fordert, muss zuerst aufhören, sich vor der Wahrheit zu schützen.



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