Von Brüssel nach Mailand im Schlaf: Neuer EuroNight durch die Schweiz
- Marco Marti

- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Der europäische Nachtzug erlebt seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Während viele Verbindungen in den 2000er-Jahren eingestellt wurden und Fluggesellschaften den Kontinent dominierten, wächst heute wieder das Interesse an langsamerem, komfortablerem und klimafreundlicherem Reisen. Besonders im Fokus steht dabei das niederländisch-belgische Unternehmen European Sleeper, das sich innerhalb weniger Jahre zu einem der bekanntesten privaten Nachtzugbetreiber Europas entwickelt hat. Mit der neuen Verbindung zwischen Brüssel und Mailand erreicht diese Entwicklung nun auch die Schweiz – und eröffnet Reisenden eine neue Nord-Süd-Achse quer durch Europa.
Ab September 2026 will European Sleeper erstmals einen direkten Nachtzug zwischen Brüssel und Mailand anbieten. Die Strecke führt über Belgien, Deutschland und die Schweiz bis nach Norditalien. Damit entsteht eine neue internationale Verbindung, die nicht nur für Städtereisende interessant ist, sondern auch für Bahnfans, Pendler, Touristen und Menschen, die bewusst auf Kurzstreckenflüge verzichten möchten.
Die Route beginnt in Brüssel und führt zunächst über Lüttich, Aachen und Köln Richtung Süden. Danach erreicht der Zug die Schweiz mit Halt in Zürich. Anschliessend geht es weiter über die Gotthard-Achse durch das Tessin und via Como nach Mailand. Besonders die Durchfahrt durch die Alpen dürfte für viele Reisende zu einem Highlight werden. Während tagsüber zahlreiche Touristenzüge die Schweizer Berglandschaft durchqueren, bietet der Nachtzug ein völlig anderes Erlebnis: Abends in Belgien einsteigen, einschlafen irgendwo zwischen Deutschland und der Schweiz – und am Morgen mit Blick auf die italienischen Seen oder die Alpen aufwachen.
Für die Schweiz bedeutet diese Verbindung eine wichtige Erweiterung des internationalen Nachtzugangebots. Zürich entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Knotenpunkt für europäische Nachtzüge. Bereits heute verkehren zahlreiche Nightjet-Verbindungen der ÖBB nach Deutschland, Österreich und in die Niederlande. Mit European Sleeper kommt nun ein weiterer Anbieter hinzu, der neue Direktverbindungen schafft und den Wettbewerb auf der Schiene belebt.
Gerade in Zeiten der Klimadebatte gewinnen Nachtzüge wieder an Bedeutung. Viele Reisende möchten nachhaltiger unterwegs sein, ohne auf Komfort verzichten zu müssen. Nachtzüge verbinden dabei mehrere Vorteile: Man spart eine Hotelübernachtung, reist entspannt über Nacht und kommt direkt im Stadtzentrum an. Zudem vermeiden Reisende lange Sicherheitskontrollen an Flughäfen oder zusätzliche Transfers. European Sleeper wirbt genau mit diesem Konzept und bezeichnet den Nachtzug als „ruhige und effiziente Art, Europa zu durchqueren“.
Auch preislich soll die Verbindung attraktiv bleiben. Laut European Sleeper beginnen Sitzplätze bereits ab rund 30 Euro, während Liegeplätze im klassischen Schlafabteil ab etwa 50 Euro angeboten werden. Je nach Komfortklasse stehen Sitzwagen, Liegewagen und Schlafwagen zur Verfügung. Zusätzlich sind private Abteile buchbar, die besonders für Familien oder Gruppen interessant sind.
Geplant sind zunächst drei Verbindungen pro Woche. Ab Brüssel soll der Zug jeweils montags, donnerstags und samstags verkehren. Die Rückfahrten ab Mailand sind mittwochs, freitags und sonntags vorgesehen. Der offizielle Start der ersten Fahrt ist für den 9. September 2026 angekündigt worden. Ursprünglich war ein früherer Betriebsstart geplant, doch Bauarbeiten in Deutschland sowie komplexe Zulassungsverfahren für die Schweiz führten zu Verzögerungen.
Die Schweiz spielt dabei eine besondere Rolle. Internationale Nachtzüge gelten hier als politisch und wirtschaftlich anspruchsvoll. Mehrere Projekte wurden in den vergangenen Jahren diskutiert, manche scheiterten jedoch an fehlenden Fördergeldern oder komplizierten internationalen Abstimmungen. Gleichzeitig zeigt die starke Nachfrage, dass Nachtzüge weiterhin grosses Potenzial besitzen. Dass European Sleeper nun trotzdem den Schritt über die Schweiz nach Italien wagt, wird von vielen Bahnbeobachtern als positives Signal gewertet.
Für Eisenbahnfreunde ist die neue Verbindung ebenfalls spannend. Die Kombination aus verschiedenen Bahnsystemen, Alpenquerung, internationalem Wagenmaterial und langen Laufwegen erinnert an die klassischen EuroNight-Züge vergangener Jahrzehnte. Während viele traditionelle Nachtzuglinien eingestellt wurden, entsteht nun langsam wieder ein modernes europäisches Nachtzugnetz. European Sleeper verfolgt dabei ehrgeizige Pläne: Neben den bestehenden Verbindungen Brüssel–Prag und Paris–Berlin gehört die Mailand-Strecke zu den wichtigsten Ausbauprojekten des Unternehmens.
Besonders interessant dürfte die Verbindung auch für Schweizer Reisende werden. Wer beispielsweise aus Zürich nach Belgien reisen möchte, erhält künftig eine direkte Nachtverbindung ohne Umstieg. Gleichzeitig wird Mailand noch stärker an das Schweizer Nachtzugnetz angebunden. Gerade für Wochenendreisen könnte dies eine attraktive Alternative zum Flugzeug darstellen.
Die Rückkehr der Nachtzüge zeigt, dass sich die Mobilität in Europa verändert. Komfort, Nachhaltigkeit und das Reiseerlebnis selbst gewinnen wieder an Bedeutung. Der neue European Sleeper zwischen Brüssel, Zürich und Mailand ist deshalb weit mehr als nur eine weitere Zugverbindung. Er steht symbolisch für eine neue Generation europäischer Nachtzüge – langsam, international und wieder überraschend beliebt.








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