Der SBB ETR 470 – Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich
- Marco Marti

- vor 2 Tagen
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Internationales Reisen damals
Zürich/Mailand. Kaum ein Zug hat die internationale Bahnverbindung zwischen der Schweiz und Italien so geprägt – und gleichzeitig so polarisiert – wie der ETR 470. Der Neigezug, auch als „Cisalpino“ bekannt, sollte ab den 1990er-Jahren den grenzüberschreitenden Verkehr revolutionieren. Doch statt eines Prestigeprojekts entwickelte er sich zu einem der umstrittensten Fahrzeuge der Schweizer Bahngeschichte.
Technischer Fortschritt mit grossen Ambitionen
Der ETR 470 gehört zur Familie der sogenannten Pendolino-Züge, die sich dank Neigetechnik in Kurven legen können. Dadurch lassen sich kurvenreiche Strecken – etwa durch die Alpen – schneller befahren, ohne neue Hochgeschwindigkeitsstrecken bauen zu müssen.
Gebaut wurden insgesamt neun Züge zwischen 1993 und 1996 für die gemeinsame Bahngesellschaft Cisalpino, ein Joint Venture der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und der italienischen Trenitalia.
Mit Mehrsystemtechnik ausgestattet, konnten die Züge sowohl im Schweizer als auch im italienischen Stromnetz verkehren – eine wichtige Voraussetzung für den internationalen Verkehr.
Alltag zwischen Innovation und Pannen
Was technisch vielversprechend klang, erwies sich im Betrieb jedoch als problematisch. Bereits kurz nach der Einführung häuften sich Störungen. Die Züge galten als störanfällig, wartungsintensiv und unzuverlässig.
Reisende klagten über defekte Klimaanlagen, blockierte Türen und unpünktliche Verbindungen. In besonders kritischen Phasen kam es zu massiven Verspätungen und sogar Totalausfällen ganzer Zugläufe.
Die Ursachen lagen in mehreren Bereichen: unausgereifte Technik, komplexe Systeme sowie ungenügende Wartung – insbesondere in den Anfangsjahren.
Politischer Druck und Imageverlust
Die Probleme blieben nicht ohne Folgen. Der ETR 470 schadete dem Ruf der Schweiz als zuverlässiges Bahnland erheblich. Politiker und Verbände übten scharfe Kritik, und auch innerhalb der SBB wuchs die Unzufriedenheit.
Zeitweise wurde sogar über einen Entzug der Betriebskonzession diskutiert. Der Zug wurde in der Öffentlichkeit zum Symbol für verspätete Verbindungen und mangelhaften Service im internationalen Bahnverkehr.
Das Ende einer schwierigen Ära
Nach Jahren voller Probleme beschlossen die SBB schliesslich, die Züge auszumustern. Spätestens bis 2014 sollten die letzten Einheiten aus dem Verkehr verschwinden.
Ein Brand im Jahr 2011 beschleunigte diese Entscheidung zusätzlich.
Nach der Auflösung der Cisalpino-Gesellschaft im Jahr 2009 wurden die Züge zwischen der SBB und Trenitalia aufgeteilt. Während die Schweiz ihre Einheiten bis 2015 stilllegte und grösstenteils verschrottete, blieben einige Züge in Italien noch einige Jahre im Einsatz.
Ein zwiespältiges Vermächtnis
Trotz aller Kritik markiert der ETR 470 einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des internationalen Bahnverkehrs. Er war einer der ersten Mehrsystem-Neigezüge im grenzüberschreitenden Einsatz und ebnete den Weg für modernere Nachfolger wie den ETR 610.
Heute gilt der ETR 470 als Mahnmal dafür, dass technische Innovation allein nicht genügt – entscheidend sind auch Zuverlässigkeit, Wartung und ein funktionierendes Gesamtsystem.

Ein SBB ETR 470 Cisalpino, hier zwischen Horgen Oberdorf und Oberrieden Dorf. (Bildquelle: Aargauer Zeitung).
Artikel geschrieben am 13.04.2026 um 23:03 von Marco M. Übertrag von der alten Jimdo-Website zu Wix per 07.05.2026, 14:38



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