Fleischskandal bei Top CC: «Kassensturz» deckt Etikettenschwindel, Tierleid und fragwürdige Fleischimporte auf
- Marco Marti

- 14. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Die jüngste Recherche des SRF-Konsumentenmagazins «Kassensturz» sorgt schweizweit für Aufsehen. Im Mittelpunkt stehen mutmassliche Manipulationen von Verbrauchsdaten bei Fleischprodukten in einer Filiale des Grosshändlers Top CC in Muri bei Bern. Doch die Sendung geht noch weiter: Sie beleuchtet den Umgang mit Foodwaste, dokumentiert problematische Haltungsbedingungen in südamerikanischen Feedlots und zeigt auf, weshalb die Debatte um das geplante Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten zusätzlich an Brisanz gewinnt.
Insider erhebt schwere Vorwürfe gegen Top CC
Ausgangspunkt der Recherche ist ein ehemaliger Mitarbeiter der Top-CC-Filiale in Muri bei Bern. Er berichtet, dass dort regelmässig Fleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum nicht entsorgt, sondern mit neuen Etiketten versehen und weiterverkauft worden sei.
Nach seinen Aussagen seien Verbrauchsdaten abgekratzt, überklebt oder durch neue Etiketten ersetzt worden. Teilweise seien Fleischstücke sogar neu verpackt worden, um ihnen ein neues Verbrauchsdatum zu geben. Die Anweisungen dazu seien von der damaligen Leitung der Metzgerei gekommen.
Der Whistleblower schildert, dass Mitarbeitende, welche sich gegen diese Praxis ausgesprochen hätten, unter Druck geraten seien. Er selbst habe seine Bedenken mehrfach geäussert, sei jedoch belächelt worden. Als Grund für die Manipulationen vermutet er den wirtschaftlichen Druck innerhalb des Unternehmens sowie den Konkurrenzkampf zwischen einzelnen Filialen.
«Kassensturz» bestätigt die Vorwürfe
Die Redaktion überprüfte die Aussagen des Insiders mit eigenen Recherchen. Reporter kauften verschiedene Fleischprodukte in der Filiale ein und untersuchten anschliessend die Etiketten.
Dabei zeigte sich mehrfach, dass neue Etiketten über den ursprünglichen Angaben angebracht worden waren. Durch das vorsichtige Entfernen der Etiketten kamen frühere Verbrauchsdaten zum Vorschein. In einem Fall wurde das Verkaufsdatum um mehr als eine Woche verlängert. Andere Etiketten waren so bearbeitet worden, dass das ursprüngliche Datum kaum mehr lesbar war.
Auch bei tiefgekühlten Fleischprodukten und neu verpacktem Schinken stellte «Kassensturz» vergleichbare Manipulationen fest. Nach Angaben des Insiders soll sogar Fleisch, das nach einer internen Kontrolle eigentlich gesperrt worden war, teilweise mit frischer Ware vermischt und dennoch verkauft worden sein.
Experten warnen vor Gesundheitsgefahren
Für Fachleute sind solche Manipulationen besonders problematisch. Frischfleisch trägt bewusst ein Verbrauchsdatum und kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Nach dessen Ablauf kann nicht mehr garantiert werden, dass das Produkt gesundheitlich unbedenklich ist.
Lebensmittelmikrobiologen weisen darauf hin, dass sich krankmachende Keime nach Ablauf des Verbrauchsdatums vermehren können. Besonders gefährdet seien ältere Menschen, Schwangere sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem.
Hinzu kommt, dass das Schweizer Lebensmittelrecht jede Täuschung der Konsumentinnen und Konsumenten verbietet. Manipulierte Etiketten erschweren zudem die Rückverfolgbarkeit der Produkte.
Top CC spricht von einem Einzelfall
Top CC bestätigt gegenüber SRF, dass es am Standort Muri zu Verletzungen interner Qualitätsstandards gekommen sei. Das Unternehmen bezeichnet die Vorfälle jedoch als isolierten Einzelfall.
Nach Bekanntwerden der Missstände seien sämtliche betroffenen Produkte aus dem Verkauf genommen und entsorgt worden. Zudem habe man arbeitsrechtliche Massnahmen eingeleitet. Der verantwortliche Chefmetzger ist inzwischen nicht mehr bei Top CC beschäftigt. Zusätzlich wurde Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eingereicht.
Die Fleischlieferanten betonen ihrerseits, dass ihre Produkte in einwandfreiem Zustand ausgeliefert worden seien.
Whistleblower verliert seine Stelle
Auch der Mitarbeiter, der die Vorfälle öffentlich machte, arbeitet nicht mehr bei Top CC. Das Unternehmen begründet die Kündigung damit, dass er die Presse vor dem Arbeitgeber informiert und damit die Voraussetzungen für Whistleblowing nicht eingehalten habe.
Der ehemalige Angestellte weist diese Darstellung zurück. Er habe sich bereits zuvor intern an Verantwortliche gewandt und sehe die Öffentlichkeit als letzten Ausweg. Sein Ziel sei gewesen, Konsumentinnen und Konsumenten über die Vorgänge zu informieren.
Foodwaste bleibt eine Herausforderung
Im Anschluss an den Fleischskandal widmet sich «Kassensturz» dem Thema Foodwaste. Experten betonen, dass ablaufendes Fleisch keineswegs entsorgt oder gar umetikettiert werden müsse.
Stattdessen könnten Händler Produkte rechtzeitig zu reduzierten Preisen verkaufen, einfrieren oder an gemeinnützige Organisationen wie die Caritas weitergeben. Dort werden Lebensmittel kurz vor Ablauf vergünstigt an armutsbetroffene Menschen verkauft.
Trotz einzelner Fortschritte liegt die Schweiz beim Ziel, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren, derzeit deutlich hinter dem Zeitplan zurück. Fachleute sehen insbesondere im Detailhandel noch grosses Potenzial.
Feedlots in Südamerika stehen in der Kritik
Ein weiterer Schwerpunkt der Recherche betrifft importiertes Rindfleisch aus Uruguay und Argentinien. «Kassensturz» zeigt Aufnahmen aus sogenannten Feedlots – grossen Mastanlagen, in denen Rinder die letzten Monate ihres Lebens auf engem Raum verbringen.
Die Tiere stehen teilweise knöcheltief in einer Mischung aus Schlamm, Kot und Urin. Schattenplätze fehlen vielerorts vollständig oder sind unzureichend vorhanden. Verschmutzte Wassertröge und hohe Temperaturen setzen den Tieren zusätzlich zu.
Dokumentiert wurden die Zustände vom Zürcher Tierschutz. Nach Einschätzung der Organisation handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um systematische Missstände.
Schweizer Experten üben deutliche Kritik
Auch Schweizer Fachleute beurteilen die gezeigten Bilder kritisch. Eine Veterinärin des Rindergesundheitsdienstes erklärt, dass Wiederkäuer auf strukturreiches Raufutter wie Gras oder Heu angewiesen seien.
In den südamerikanischen Feedlots erhalten die Tiere dagegen während der Endmast häufig über 70 Prozent Kraftfutter. Ziel ist eine möglichst starke Fettmarmorierung des Fleisches, die auf dem Markt als Qualitätsmerkmal gilt.
Eine derart intensive Kraftfutterfütterung sei aus Sicht der Tiergesundheit problematisch. Zudem würden die gezeigten Haltungsbedingungen in der Schweiz den geltenden Tierschutzvorschriften nicht entsprechen.
Fleisch aus Feedlots gelangt auch in die Schweiz
Die Recherchen zeigen, dass Fleisch aus Feedlots teilweise auch in Schweizer Verkaufsregalen landet. Mehrere Detailhändler bestätigten, Produkte aus Uruguay oder Argentinien zu beziehen.
Lidl erklärte, Bestellungen eines betroffenen Produkts vorsorglich auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt seien. Der Importeur A&C Delikatessen kündigte an, vorläufig kein Fleisch mehr aus einem kritisierten Feedlot in die Schweiz zu liefern. Andere Detailhändler betonen, dass Tierwohl für sie ein wichtiger Bestandteil ihrer Einkaufsrichtlinien sei und die gezeigten Zustände nicht ihren Anforderungen entsprächen.
Freihandelsabkommen mit Mercosur sorgt für politische Diskussionen
Zusätzliche Brisanz erhält die Recherche durch das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay.
Das Parlament berät derzeit über das Abkommen. Dieses würde unter anderem ermöglichen, zusätzlich rund 3'000 Tonnen Rindfleisch zollfrei in die Schweiz zu importieren.
Tierschutzorganisationen warnen deshalb davor, dass Fleisch aus Haltungsformen, welche in der Schweiz nicht zulässig wären, künftig einfacher auf den Schweizer Markt gelangen könnte. Sie fordern verbindliche Tierwohlstandards für importiertes Fleisch sowie eine Kennzeichnungspflicht, damit Konsumentinnen und Konsumenten erkennen können, ob Fleisch aus Weidehaltung oder aus Feedlots stammt.
Bislang schreibt das Gesetz lediglich die Deklaration des Herkunftslandes sowie Angaben über den Einsatz von Leistungsförderern vor. Ob ein Tier ausschliesslich auf der Weide gehalten oder in einem Feedlot gemästet wurde, muss hingegen nicht ausgewiesen werden.
Vertrauen in die Fleischbranche auf dem Prüfstand
Die «Kassensturz»-Recherche zeigt gleich mehrere Schwachstellen entlang der Wertschöpfungskette auf. Während der Fall Top CC Fragen zur Einhaltung des Lebensmittelrechts und zur Lebensmittelsicherheit aufwirft, rücken die Recherchen in Südamerika die Bedingungen der Fleischproduktion und die Transparenz bei Importen in den Fokus.
Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt damit vor allem eine zentrale Frage offen: Wie sicher ist das Fleisch im Regal – und unter welchen Bedingungen wurde es produziert? Die laufenden Untersuchungen und die politische Debatte dürften diese Fragen auch in den kommenden Monaten weiter beschäftigen.







Kommentare