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Historisches Erbe unter SBB-Kontrolle

30. Sept.
7 Min. Lesezeit

Wie SBB Historic aufgebaut ist, weshalb die regionalen Vereine nur beschränkt selbständig sind und warum die Fälle Erstfeld und Rapperswil grundlegende Probleme offenlegen.


Alte Lokomotiven sind weit mehr als technische Museumsstücke. Sie erzählen von der Elektrifizierung, vom Gotthardverkehr, von früheren Arbeitswelten und von Generationen von Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern. In der Schweiz soll die Stiftung SBB Historic dieses Erbe bewahren und öffentlich zugänglich machen. Hinter den glänzend restaurierten Fahrzeugen steht jedoch eine Struktur, die zunehmend zu Spannungen führt: Die Verantwortung wird teilweise auf regionale Vereine und Freiwillige übertragen, während die wichtigsten Entscheidungen zentral getroffen werden.


Die Entwicklungen in Erstfeld und Rapperswil zeigen besonders deutlich, wie ungleich Verantwortung, Mitsprache und Entscheidungsmacht verteilt sind.


Stiftung auf dem Papier, SBB-Ressort in der Praxis

Die offizielle Bezeichnung lautet «Stiftung Historisches Erbe der SBB». Sie wurde 2001 von den Schweizerischen Bundesbahnen gegründet und ist juristisch eine privatrechtliche Stiftung. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, SBB Historic sei eine von der SBB unabhängige Museumsorganisation.


Innerhalb des SBB-Systems erfüllt sie vielmehr die Funktion eines Ressorts für das historische Erbe. Gemäss Stiftungsurkunde stellt die SBB die Mehrheit des Stiftungsrates. Mehrere Mitglieder des obersten Organs stammen direkt aus Führungsbereichen der SBB.

Die Stiftung ist ausserdem finanziell stark von ihrer Stifterin abhängig: 2024 belief sich der jährliche Beitrag der SBB auf rund 4,17 Millionen Franken, während SBB Historic aus dem eigenen Betrieb ungefähr 1,85 Millionen Franken erwirtschaftete.


Auch bei Gebäuden und grossen Investitionen bleibt die Verbindung eng. Die Sanierung wichtiger Anlagen erfolgt gemeinsam mit SBB Immobilien. Die SBB stellt der Stiftung Flächen und Gebäude zur Verfügung und wirkt über den Stiftungsrat an ihrer strategischen Ausrichtung mit.


Rechtlich ist SBB Historic somit verselbständigt. Organisatorisch, personell und finanziell bleibt sie aber eng in die SBB eingebunden. Wer nur von einer unabhängigen Stiftung spricht, zeichnet deshalb ein unvollständiges Bild. Treffender ist: SBB Historic ist eine Stiftung in der Funktion eines von der SBB kontrollierten historischen Ressorts.


Eine Zentrale und acht sehr unterschiedliche Standorte

Das oberste Organ ist der Stiftungsrat. Er legt die Strategie fest, entscheidet über die Ausrichtung der Fahrzeugsammlung und genehmigt grössere Projekte. Die Geschäftsleitung setzt diese Vorgaben um.


Seit Anfang 2025 wurden mehrere Bereiche zusammengelegt und die Organisation stärker gebündelt. Gleichzeitig teilt SBB Historic seine Fahrzeuge konsequenter entweder der eigentlichen Sammlung oder den betrieblich benötigten Mitteln zu. Eine sogenannte Kernflotte soll die wichtigsten historischen Zugskompositionen abdecken.


SBB Historic arbeitet heute an acht Standorten. Diese sind jedoch weder gleichberechtigte Filialen noch eigenständige Museen:

Standort

Hauptaufgabe und Bedeutung

Windisch

Heutige Geschäftsstelle sowie Archive, Bibliothek und Objektsammlungen. Ein Teil der Funktionen soll nach Olten wechseln; Windisch bleibt vorerst auch Lagerstandort.

Olten

Bedeutender Fahrzeug- und Werkstattstandort. Ab 2027 sollen hier die Hauptwerkstatt und die neue Geschäftsstelle das zentrale Herz von SBB Historic bilden.

Brugg

Bahnpark mit Schwerpunkt Dampfbetrieb. Die historische Anlage benötigt weitere Sanierungen und klare langfristige Nutzungsvereinbarungen.

Erstfeld

Gottharddepot mit historischen Elektrolokomotiven und der Ausstellung «Berg. Strecke.». Der Standort wird wesentlich vom Team Erstfeld mitgetragen.

Rapperswil

Standort historischer Elektrolokomotiven der Ostschweiz. Hier arbeiten das Team Ostschweiz und die Betriebsgruppe 13302 mit unterschiedlichen Fahrzeugen.

Winterthur

Unterbringung, Pflege und Aufarbeitung historischer Fahrzeuge, unterstützt durch ein lokales Freiwilligenteam.

Delémont

Historische Rotonde mit Schwerpunkt auf Fahrzeugen aus der Dampfzeit, betreut in Zusammenarbeit mit der Historischen Eisenbahn Gesellschaft.

Saint-Maurice

Westschweizer Rotonde und Fahrzeugstandort. Für die historische Anlage wurden erste Sanierungsstudien aufgenommen.

Diese dezentrale Struktur erweckt den Eindruck grosser regionaler Selbständigkeit. Tatsächlich liegen Eigentum, Strategie und zentrale Entscheidungsbefugnisse jedoch mehrheitlich bei SBB Historic.


Eigenständige Vereine – aber keine selbständigen Fahrzeughalter

An mehreren Standorten übernehmen Vereine einen erheblichen Teil der praktischen Arbeit. Ihre Mitglieder reinigen und warten Fahrzeuge, begleiten Fahrten, führen Besuchergruppen durch die Depots und erhalten Fachwissen, das auf dem normalen Arbeitsmarkt kaum noch vorhanden ist. Ohne diese Freiwilligen könnte SBB Historic einen grossen Teil seiner Flotte nicht im heutigen Umfang betreuen.


Die Vereine sind rechtlich eigenständig. Sie besitzen eigene Statuten, Vorstände und Mitgliederversammlungen. Beim Umgang mit den historischen Fahrzeugen sind sie aber an Vereinbarungen mit SBB Historic gebunden. Viele der betreuten Lokomotiven und Wagen gehören der Stiftung. Diese entscheidet als Eigentümerin über Stationierung, Verwendung, Vermarktung, grössere Reparaturen und die Zukunft der Fahrzeuge.


Hinzu kommen immer strengere Sicherheits- und Nachweispflichten. Mit dem Instandhaltungssystem ZEDAS und den vorgeschriebenen ECM-Prozessen vereinheitlicht SBB Historic die Wartung seiner betriebsfähigen Fahrzeuge. Solche Regeln sind für einen sicheren Bahnbetrieb notwendig. Sie führen aber auch dazu, dass freiwillige Vereine zunehmend wie professionelle Eisenbahnunternehmen dokumentieren und arbeiten müssen.


Die treffendste Beschreibung lautet deshalb: Die Vereine sind in ihrem inneren Vereinsleben eigenständig, über die betreuten Fahrzeuge können sie jedoch nicht frei entscheiden. Von gleichberechtigten Partnern kann nur gesprochen werden, wenn Verantwortung und Mitsprache tatsächlich ausgewogen verteilt sind.


Olten wird zum Macht- und Werkstattzentrum

Die stärkste organisatorische Veränderung ist der Ausbau von Olten. In der historischen Halle 500 entsteht die künftige Hauptwerkstatt für Restaurierung und Unterhalt. Das Riggenbachgebäude soll ab 2027 die Geschäftsstelle, die Bibliothek, den Lesesaal und Veranstaltungsräume aufnehmen. Olten wird damit zum betrieblichen und administrativen Mittelpunkt von SBB Historic.


Die Konzentration hat nachvollziehbare Vorteile. Spezialwerkzeuge, Fachpersonal und teure Anlagen können nicht an jedem Depot bereitgestellt werden. Gemeinsame Prozesse erleichtern die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften.


Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass regionale Standorte schrittweise an Bedeutung verlieren. Wenn wichtige Fahrzeuge, Werkstattarbeiten und Entscheidungen in Olten konzentriert werden, bleiben andernorts möglicherweise renovierte Hallen zurück, denen das betriebliche Leben fehlt.


Erstfeld: Ein saniertes Vorzeigedepot mit Identitätsproblem

Das historische Depot Erstfeld wurde umfassend saniert. Im Sommer 2024 eröffneten die SBB und SBB Historic dort die Ausstellung «Berg. Strecke. Die Geschichte der Eisenbahn am Gotthard». Die geschützten Remisen, die Schiebebühne und die neue Ausstellung machen den Standort zu einem eindrucksvollen Erinnerungsort.


Doch ausgerechnet bei den Fahrzeugen zeigt sich ein Widerspruch. Das Gotthard-Krokodil Ce 6/8 II 14253 wird vom Team Erstfeld bis auf Weiteres als im Verkehrshaus der Schweiz stationiert aufgeführt. Auch die Ce 6/8 I 14201, die sogenannte Köfferlilok, befindet sich seit Anfang 2025 dort. Die Re 6/6 11666 wird bei SBB Historic dem Depot Olten zugerechnet, obwohl sie für Gotthardfahrten vom Team Erstfeld eingesetzt wird.


Besonders irritierend ist die Kommunikation: Auf der aktuellen Erlebnis-Seite der SBB für das Depot Erstfeld wird die Ce 6/8 II 14253 weiterhin als eine der Lokomotiven dargestellt, die bei einem Besuch «natürlich nicht fehlen» dürfe. Gleichzeitig weist die lokale Fahrzeugübersicht auf ihre Stationierung im Verkehrshaus hin.


Das Depot Erstfeld ist deshalb nicht leer und keineswegs bedeutungslos. Die «Landilok» Ae 8/14 11801 und weitere Gotthardfahrzeuge bleiben wichtige Attraktionen. Trotzdem stellt sich die Frage, welche langfristige Rolle Erstfeld erhalten soll.


Wer von einem «Desaster» spricht, meint weniger die aufwendig sanierte Anlage als den Verlust einer klaren betrieblichen Identität: Ein Gottharddepot wird als Erlebnisstandort ausgebaut, während mehrere seiner bekanntesten Fahrzeuge anderswo stehen oder einem anderen Standort zugeordnet werden.


Hinzu kommt ein symbolischer Vorgang aus dem Jahr 2021. Auf Wunsch von SBB Historic musste der lokale Verein den Namen «SBB Historic Team Erstfeld» ablegen. Seither heisst er «Team Erstfeld – Bahnhistorischer Verein am Gotthard». Bereits dieser Namenswechsel zeigte, dass selbst der öffentliche Auftritt der regionalen Partner nicht allein in deren Hand liegt.


Rapperswil gibt sein Krokodil zurück

In Rapperswil sind die Folgen der zentralen Steuerung noch deutlicher. Die Betriebsgruppe 13302 gibt das Krokodil Be 6/8 III 13302 per 31. Dezember 2026 an SBB Historic zurück. Dies bestätigte die Schweizer Eisenbahn-Revue in ihrer Ausgabe 10/2026. An einer ausserordentlichen Generalversammlung vom 5. September 2026 stimmten die anwesenden Vereinsmitglieder dem Antrag ihres Vorstandes einstimmig zu.


Bei der Rückgabe handelt es sich nicht um einen Verkauf oder Eigentümerwechsel. Die Lokomotive gehört bereits SBB Historic. Der Verein beendet vielmehr die private Betreuung und gibt das Fahrzeug nach genau 50 Jahren an seine Eigentümerin zurück.


1976 war die damals ausrangierte Lokomotive dem Modell-Eisenbahn-Club Horgen zur Erhaltung übergeben worden. Seit 1991 kümmerte sich die Betriebsgruppe 13302 um Pflege, Unterhalt und Betrieb. Seit 2025 wird sie als eigenständiger Verein geführt. Im Jubiläumsjahr 2026 wird das Krokodil hundert Jahre alt – gleichzeitig endet ein halbes Jahrhundert privater Betreuung.


Auslöser war die Neuordnung der Zusammenarbeit. SBB Historic kündigte im Februar 2026 den bisherigen Leihvertrag auf Ende Jahr. Eine neue Zusammenarbeitsvereinbarung sollte ihn ab dem 1. Januar 2027 ersetzen.


Nach dem vorgeschlagenen Modell wäre die Betriebsgruppe weiterhin für Pflege und Instandhaltung verantwortlich gewesen. Gleichzeitig hätten Anforderungen an Organisation, Nachweise und Instandhaltungsverantwortung zugenommen. Wesentliche Funktionen der Instandhaltung sollten auf den Verein übertragen werden, während Fahrzeugeinsatz, Vermarktung und Kommunikation stärker von SBB Historic gesteuert worden wären.


Damit hätte der Verein mehr Verantwortung und Risiken tragen müssen, ohne im gleichen Umfang über den Einsatz und die Zukunft des Krokodils bestimmen zu können. Nach Prüfung des Entwurfs und Gesprächen mit SBB Historic kam der Vorstand zum Schluss, dass dieses Modell keine ausreichende Grundlage für eine langfristige Weiterführung sei.


Der Fall ist ein konkretes Beispiel dafür, was «beschränkte Selbständigkeit» bedeutet. SBB Historic kann als Eigentümerin Verträge kündigen und neue Bedingungen festlegen. Der Verein kann diese annehmen oder ablehnen – verliert bei einer Ablehnung aber die Betreuung seines identitätsstiftenden Fahrzeuges.


Erschwerend kommt der technische Zustand der Lokomotive hinzu. Seit einer Fahrt zum Depotfest in Olten am 26. August 2023 ist die Be 6/8 III 13302 wegen eines Problems an einem Achslager nicht mehr fahrfähig. Für die Reparatur wurde unter anderem der Ausbau des betroffenen Radsatzes über eine Achssenkanlage in Olten geprüft. Eine umsetzbare Lösung konnte bislang nicht gefunden werden. Auch alternative Verfahren scheiterten an technischen Hindernissen.


Die Betriebsgruppe bleibt nach der Rückgabe vorerst als Verein bestehen. Wie es mit ihr und dem Krokodil weitergeht, ist offen. Nun liegt die Verantwortung bei SBB Historic, für die hundertjährige Lokomotive eine glaubwürdige technische und museale Zukunft zu schaffen.


Die aktuellen Probleme sind grundsätzlicher Natur

Erstfeld und Rapperswil sind keine voneinander getrennten Einzelfälle. Sie machen mehrere strukturelle Probleme sichtbar:

  • Zentrale Macht und dezentrale Arbeit: Die Strategie wird zentral festgelegt, während ein grosser Teil der praktischen Arbeit regional und freiwillig erfolgt.

  • Verantwortung ohne entsprechende Mitsprache: Vereine sollen technische, regulatorische und teilweise finanzielle Verantwortung tragen, verfügen aber nur begrenzt über die Fahrzeuge.

  • Konzentration auf Olten: Die neue Hauptwerkstatt ist fachlich sinnvoll, kann aber andere Standorte schwächen.

  • Hohe Reparaturkosten: Schäden an alten Fahrzeugen verlangen seltene Spezialanlagen, Fachwissen und viel Geld. Die jahrelange Suche nach einer Lösung für die 13302 zeigt dies deutlich.

  • Nachwuchsprobleme: Für die Betreuung fast hundertjähriger Fahrzeuge werden langfristig verfügbare Fachkräfte benötigt. Viele Vereine haben Schwierigkeiten, jüngere Mitglieder mit den nötigen Kenntnissen zu gewinnen.

  • Unklare Kommunikation: Wenn Standorte mit Fahrzeugen beworben werden, die sich längerfristig anderswo befinden, leidet die Glaubwürdigkeit.


Historisches Erbe besteht nicht nur aus Eigentum

SBB Historic besitzt eine aussergewöhnliche Sammlung und erfüllt einen wichtigen öffentlichen Auftrag. Die Professionalisierung des Unterhalts ist notwendig, denn historische Fahrzeuge dürfen bei Sicherheit und Technik keine Sonderbehandlung beanspruchen. Zentralisierung allein ist jedoch keine vollständige Strategie.


Ein Depot lebt nicht nur von seinen Mauern, und eine Lokomotive bleibt nicht allein deshalb lebendig, weil sie in einem Inventar aufgeführt ist. Entscheidend sind die Menschen, die sie kennen, warten, erklären und über Jahrzehnte begleiten. Geht dieses Wissen verloren, lässt es sich nicht einfach an einen anderen Standort verschieben.


SBB Historic braucht deshalb eine transparente Standort- und Vereinsstrategie. Sie muss offenlegen, welche Depots langfristig als betriebsfähige Standorte erhalten bleiben, welche Fahrzeuge fest zu ihnen gehören und wie Verantwortung, Kosten und Mitsprache zwischen Stiftung und Vereinen verteilt werden. Ebenso braucht es klare Zeitpläne für beschädigte Fahrzeuge und eine ehrliche Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit.


Die Rechtsform einer Stiftung darf nicht darüber hinwegtäuschen, wo die Macht liegt. SBB Historic bleibt faktisch ein von der SBB geprägtes und kontrolliertes Ressort. Gerade deshalb trägt die SBB eine besondere Verantwortung: Sie darf das freiwillige Engagement in den Regionen nicht lediglich als günstige Arbeitskraft betrachten. Ohne diese Vereine wird aus lebendiger Bahngeschichte früher oder später nur noch eine zentral verwaltete Sammlung.



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