Wo sich die Schienen kreuzen: Die Besonderheit des Bahnhofs Kerzers
Zwei Bahnlinien, eine ungewöhnliche Begegnung: Im freiburgischen Kerzers kreuzen sich die Gleise auf gleicher Höhe im Winkel von 30 Grad. Die markante Anlage und ihr historisches Stellwerk machen den Bahnhof zu einem besonderen Stück Schweizer Eisenbahngeschichte.
KERZERS. Wer hier auf den Zug wartet, steht an einem aussergewöhnlichen Verkehrsknoten. Die Bahnstrecke Bern–Neuenburg trifft in Kerzers auf die Broyetallinie zwischen Palézieux, Murten und Lyss. Die Schienen kreuzen sich ohne Brücke und ohne Tunnel auf derselben Höhe. Das Schienenkreuz mit seinem spitzen Winkel von 30 Grad ist nach Angaben des Vereins Stellwerk Kerzers schweizweit einzigartig.
Die ungewöhnliche Gestaltung ist historisch gewachsen. Bereits 1876 erhielt Kerzers mit der Broyetallinie Anschluss ans Eisenbahnnetz. Als 1901 die direkte Verbindung zwischen Bern und Neuenburg eröffnet wurde, entstand am Bahnhof der Schnittpunkt der beiden Verkehrsachsen. Aus einer Station an einer Strecke wurde ein Kreuzungsbahnhof mit besonderen Anforderungen an die Sicherung des Zugverkehrs.
Die Gleiskreuzung lässt sich als lang gezogenes X beschreiben. Anders als eine Weiche ermöglicht sie für sich allein keinen Wechsel von einer Strecke auf die andere. Dafür gibt es zusätzliche Verbindungsgleise. Sie erlauben Fahrten zwischen den verschiedenen Streckenästen und dienen auch den Flügelzügen der Berner S-Bahn. Die charakteristische Form der Anlage ergibt sich somit aus dem Zusammenspiel von Kreuzung und Verbindungen.
Für den Betrieb hat diese Geometrie eine klare Folge: Zwei Züge, deren Fahrwege sich am Schienenkreuz überschneiden, können die Stelle nur nacheinander passieren. Die sichere Reihenfolge der Fahrten ist deshalb entscheidend. Mit dem Bau der neuen Linie entstand 1901 eine passende Stellwerkanlage. Das Wärterstellwerk erhielt seinen Platz zwischen den Gleisen, wo das Personal die Bahnanlage gut überblicken konnte.
Auch architektonisch prägt dieses Gebäude den Bahnhof. Der schmale Bau mit Giebeldach und grossen Fensterflächen steht im spitzen Winkel zwischen den Strecken. Seine Lage und seine erhöhte Bedienungsebene folgen einer praktischen Aufgabe: sehen, überwachen und den Zügen den richtigen Weg stellen. Heute zählt das Stellwerk zu den geschützten Kulturgütern von nationaler Bedeutung.
Mehr als ein Jahrhundert lang gehörten Hebel, Verschlüsse und später ergänzte elektrische Einrichtungen zum Arbeitsalltag. Im Oktober 2004 übernahm eine elektronische Anlage die Aufgaben des historischen Stellwerks. Das alte Gebäude blieb erhalten; die Gemeinde übernahm die Anlagen, während der Verein Stellwerk Kerzers das Nutzungs- und Betreiberrecht erhielt.
Das historische Wärterstellwerk kann weiterhin besichtigt werden. Damit bietet Kerzers neben seiner auffälligen Gleiskreuzung auch einen Einblick in jene Technik, die das geordnete Zusammentreffen der Züge über Generationen hinweg möglich machte. Wer genauer hinsieht, entdeckt hier einen Bahnhof, dessen besondere Form eine ganze Verkehrsgeschichte erzählt.




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